Gesundheit

Niere schützen, Herz retten

Über 1 Mio. Menschen allein in Österreich von chronischen Nierenerkrankungen betroffen.

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Durch einfache Tests und eine, von Hausärzten durchgeführte, Früherkennungs-Offensive sollen die Zahl der Neuerkrankungen gesenkt und damit auch Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems vermieden werden.

  • Aktuelle Situation: 1 Mio. Österreicher (10-13 %) leiden an milden, chronischen Nierenschäden, 200.000 an beträchtlichen Nierenproblemen.
  • Zusätzliches Problem: ¾ der Betroffenen wissen nichts von der eigenen Erkrankung.
  • Einfache Früherkennung durch Blut-und Harntests, insbesondere bei Risikogruppen, kann Leben retten. 

„Chronische Nierenerkrankungen entwickeln sich schleichend, verlaufen lange Zeit symptomlos und ohne Schmerzen, können aber höchst lebensbedrohlich werden“, so Prim. Prof. Dr. Karl Lhotta, Leiter der Nephrologie im Landeskrankenhaus Feldkirch und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN). Er geht davon aus, dass 10 bis 13 % der österreichischen Bevölkerung – also ca. 1 Mio. Menschen – von milden chronischen Nierenschädigungen betroffen sind. Darüber hinaus leiden an die 200.000 Österreicher an einem beträchtlichen Nierenproblem, d.h. einer Einschränkung der Nierenfunktion um mehr als die Hälfte. „Erschreckend dabei ist vor allem, dass drei Viertel der Menschen, die an einem solchen beträchtlichen Nierenproblem leiden, sich der Erkrankung gar nicht bewusst sind. Nur zwei Drittel aller Betroffenen, die über ihre Nierenerkrankung Bescheid wissen, begeben sich auch in Behandlung. Das führt natürlich zu einer fortwährenden chronischen Schädigung der Niere, die bis zur Dialysepflicht führen kann. Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Blutarmut, Leistungsschwäche, Harnvergiftungen und Ödeme treten auf. Zudem werden meist auch andere Gefäße geschädigt. Dadurch ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen drastisch erhöht. Damit kommt es zu einer deutlich verkürzten und vor allem sehr eingeschränkten Lebensqualität. Viele dieser hervorgerufene Symptome und Folgeerkrankungen wären durch eine entsprechende Therapie vermeidbar oder zumindest auf ein Minimum einschränkbar“, betont Lhotta.

Einfache Früherkennung durch Blut- und Harntest

Insbesondere Risikopatienten, das sind Menschen, die bereits an Diabetes, hohem Blutdruck, starkem Übergewicht und Herz-Kreislauf-Problemen leiden, bzw. eine familiäre Disposition für Nierenerkrankungen haben, sollten sich daher regelmäßig – zumindest einmal im Jahr – den einfachen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen. „Hier gibt es mit dem Bluttest und einer Harnuntersuchung zwei einfache, kostengünstige und schmerzfreie Untersuchungsmethoden, die auch vom Hausarzt durchgeführt werden können“, so der erfahrene Nierenspezialist. Dabei werden der Kreatininwert im Blut und die Albuminausscheidung im Harn bestimmt. Ist der Kreatininwert erhöht, zeigt dies eine bereits beträchtlich eingeschränkte Nierenfunktion an. Eine vermehrte Eiweißausscheidung im Harn gilt als Hinweis für eine Schädigung des Nierenfilters und auch anderer kleiner Gefäße im Körper.


„Ist der Patient von einer chronischen Nierenerkrankung betroffen, sollte er seinen Lebensstil ändern, sich viel bewegen, auf das Rauchen verzichten, auf gesunde Ernährung (wenig Salz und Eiweiß) achten und Medikamente einnehmen, die den Blutdruck entsprechend anpassen und das Cholesterin senken. Bei Diabetes-Patienten, das ist auch die größte Risiko-Gruppe, ist zudem eine richtige Blutzucker-Einstellung notwendig“, erklärt Lhotta. Prinzipiell schützen all diese Maßnahmen nicht nur die Niere, sondern auch die gesamten Körpergefäße und somit auch das Herz. 

Nierenschäden als Indikator für höheres Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko

Eine regelmäßige Kontrolle der Nierenfunktion ist damit auch ein wesentlicher Schritt zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „In der Niere befindet sich ein Drittel aller Blutgefäße. Wenn die Tests eine Verengung der Gefäße in der Niere ergeben, ist das auch ein wesentlicher Indikator für weitere Gefäßerkrankungen und ein erhöhtes Risiko für eine nachfolgende Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzversagen“, erklärt Lhotta. Er propagiert daher: „Niere schützen und damit auch das Herz retten!“ 

Österreichisches Präventions-Pilot-Projekt 60/20

Die praktischen Ärzte sind in Österreich nach wie vor Anlaufstelle Nr. 1 bei Beschwerden und nehmen durch die Vorsorgeuntersuchungen eine Schlüsselrolle bei der Früherkennung ein. Immerhin werden rund 90 % der Nierenerkrankungen beim Hausarzt entdeckt und erstbehandelt. Nur die Schwerstfälle – also an die 10 % aller Nierenerkrankungen – werden vom Nierenspezialisten behandelt“, so Lhotta.

Daher setzt das, von Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, dem Leiter der klinischen Abteilung für Nephrologie am LKH-Univ. Klinikum Graz, Past-Präsident der ÖGN sowie Kongresssekretär des ERA-EDTA-Kongresses, in der Steiermark im Jänner dieses Jahres etablierte Screening-Programm 60/20 bei den Hausärzten, Spitalsambulatorien und der breiten Öffentlichkeit mit einer intensiven Informationskampagne an.

60 steht dabei für den Wert der Nierenfunktion, ab dem eine schwerwiegende Nierenerkrankung vorliegt, 20 für den Wert, ab dem Patienten auf Nierenersatztherapien, wie Dialyse oder Transplantationen, vorbereitet werden. Ziel des Pilotprojektes ist die Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von einer Leistungsreduktion der Niere auf 60 %, um Maßnahmen gegen denfortschreitenden Funktionsverlust der Niere zu ergreifen und die Betroffenen frühzeitig – bereits bei einer Leistungsreduktion der Niere auf 20 % - über Nierenersatztherapien zu informieren.  

Mit der Initiative Präventionsstrategie 60/20 erhofft sich die ÖGN weniger Neuerkrankungen, höhere Heilungschancen aufgrund der Früherkennung und auch einen Beitrag zur Reduktion der langfristigen Gesundheitskosten. Immerhin kosten Früherkennungstests (Blut- und Urinuntersuchung) im Schnitt einmalig nur 5 EUR. Im Vergleich dazu ist bei DialysepatientInnen mit an die 60.000 EUR an Therapiekosten pro Jahr zu rechnen.

Quelle: Österreichische Gesellschaft für Nephrologie, ERA-EDTA (European Renal Association – European Dialysis and Transplantation Association)